Was war eigentlich vor Instagram

25.02.2023 ( Kunsthaus, Aarau AG )

Lesedauer: 6 min

Wenn man heutzutage in die Berge geht, knippst man unzählige Fotos und stellt diese auf Social Media, aus verschiedenen Gründen. Z.B. möchten wir mit anderen, diese wunderbaren Landschaften teilen, denn geteilte Freude ist doppelte Freude. Natürlich gibt es auch den Aspekt der Selbstdarstellung, aber wir konzentrieren uns hier mal auf ersteres: Dass man die alpine Landschaft als einen hübschen Ort begreift, der Erholung, Genuss und auch etwas Abenteuer bietet, war nicht immer so. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein galten die alpinen Regionen als ungemütlicher, gefährlicher Ort, den es sich nicht zu besuchen lohnte; höchstens um Waren über Pässe zu transportieren, aber keineswegs nur zum Spass. Es gab dort nichts Erstrebenswertes, nur Eis, Fels, Gefahr, Tod und womöglich Geister und Dämonen. Diese Ansicht änderte sich aber irgendwann im Verlaufe der Zeit, aber wann eigentlich?

Im Rahmen meiner Recherchen bin ich auch über kulturhistorische Aspekte des Alpenraums und der alpinen Landschaft gestossen und aus aktuellem Anlass verliere ich hier ein paar Zeilen darüber.

Geht man der Frage nach, wann die Menschen den Alpenraum für sich entdeckt haben, stösst man unweigerlich auf die Herren Albrecht von Haller (Mediziner, Universalgelehrter & Dichter), Abraham Wagner (Verleger), Caspar Wolf (Maler) und Jakob Wyttenbach (Theologe). Albrecht von Haller verfasste um 1729 das Gedicht „Die Alpen“, in dem er versuchte, seinen gebildeten Kollegen die Schönheiten der Natur näher zu bringen. Das Gedicht erlangte unter Dichtern und Gelehrten grosse Bekanntheit und es ist deshalb nicht weiter verwunderlich, dass der Berner Verleger Abraham Wagner sich entschloss, einen „Bildband“ über die einzigartigen alpinen Landschaften der Schweiz für die Öffentlichkeit anzufertigen.

Zur damaligen Zeit war das aber gar nicht so einfach. Es gab weder Fotoapparate noch Kopiergeräte. Wie also konnte Wagner einen solchen „Bildband“ realisieren? Er hat sich einen jungen aufstrebenden Landschaftsmaler gesucht und diesen in Caspar Wolf gefunden. 1773 schickte er Wolf zusammen mit dem Theologen Wyttenbach ins Gebirge mit dem Auftrag, diese Landschaften originalgetreu zu malen. Wolf und Wyttenbach sind mit Malerequipment und dem, was man damals zum Wandern so hatte, losgezogen und haben vor Ort Bilder und Skizzen angefertigt, die dann später im Atelier zu Gemälden vollendet wurden. Von diesen ersten Kunstwerken des Gebirges sind einige noch existent und befinden sich unter anderem im Besitz der Kunstsammlung des Aargauer Kunsthauses in Aarau. Wir kommen der Sache also langsam näher. 

So habe ich mich beim Aargauer Kunsthaus gemeldet und gefragt, ob es eine Möglichkeit gäbe, eines dieser Bilder zu sehen. Nur für mich, diese Bilder hervorzukramen, war leider nicht möglich. Schade, ich war etwas enttäuscht, denn die Dinger lagern vermutlich ja direkt vor meiner Haustüre.

Aber zurück zu den Herren im 18. Jahrhundert: Die Anfertigung solcher Gemälde ist natürlich ein Prozess der nicht massentauglich ist. Wagner löste das nun so, dass von diesen Originalgemälden durch andere Künstler wieder vereinfachte Skizzen angefertigt wurden, von welchen dann wiederum vereinfachte Kupferstiche hergestellt werden konnten. Diese Kupferstiche ermöglichten es, ein „Bild“ zu drucken. Da diese Drucke dann in Schwarz-Weiss resultierten, wurden diese gedruckten Bilder von Hand wiederum durch Maler noch etwas nachkoloriert. Das ist zwar ebenfalls unglaublich aufwendig, aber immerhin in etwas grösseren Stückzahlen machbar. Das sieht dann in etwa so aus:

Glacier_du_Breithronjpg

So entstand dann ein mit Texten ergänzter Bildband „Les Vues Remarquables des montagnes de la Suisse"

Caspar Wolf, war übrigens ein Murianer. Im Kloster Muri gibt es dementsprechend ein Museum das ihm gewidmet ist und unter anderem den oben erwähnten Prozess an verschiedenen Beispielen aufzeigt. Ein Besuch lohnt sich!

Man darf also annehmen, dass diese rund 250 Jahre alten Gemälde, die im Nachgang an diese Reisen von Wolf und Wyttenbach angefertigt wurden, die ersten originalgetreuen Abbildungen der Schweizer Alpen und des Hochgebirges darstellen.

Zu dieser Zeit startete die Epoche der Romantik, in welcher die Landschaftsmalerei einen Aufschwung erlitt. Das Bild der Alpen, als gefährlicher, uninteressanter Ort, wandelte sich zunehmend zu einem Sehnsuchtsort, auf dem auch der heutige Alpentourismus gründet. Die Pionierarbeiten von Wolf, Wagner und Wyttenbach gingen dabei allerdings lange Zeit vergessen und auch ich habe in meinen Recherchen dieses Thema beiseitegelegt, da es nicht in meinem thematischen Fokus lag.

Nun, einige Monate später eröffnete mir Elle, dass sie von Aarau wegziehe. Sie ist eine meiner geschätztesten Bergpartnerinnen und wichtige Begleitperson in vieler Hinsicht. Wir haben viel Zeit in Aarau und in den Bergen verbracht, teilen die Begeisterung für die wunderbaren alpinen Landschaften und ich war auf der Suche nach etwas, mit dem man diese Zeit irgendwie abschliessen könnte. Da ist mir die Geschichte von Caspar Wolf und seinen Gemälden wieder eingefallen und ich habe beim Kunsthaus insistiert, ob es wirklich nicht möglich sei, eines dieser Bilder zu sehen. Die Kuratorin hat mir dann zurückgeschrieben, dass sie im Rahmen der Auswahl 23 von Schweizer Künstlern allenfalls Gemälde von Caspar Wolf aus der Sammlung in die Ausstellung hängen. Zu meiner grossen Freude hat sich das Kunsthaus einige Wochen später dann auch dazu entschieden und ich konnte mit Elle dieses wunderbare, 250 Jahre alte Bild in echt bestaunen. Ich hatte es halb so gross erwartet und dann war es so riesig und absolut fantastisch! Wirklich ein toller Moment, eine der vermutlich ersten originalgetreuen Abbildungen des Schweizer Hochgebirges live zu sehen.

DSC05004_edit_smalljpg

Steht man vor diesem Bild und weiss, wie einfach es heutzutage ist, ein Foto zu machen und es innert Minuten mit dutzenden ja hunderten von Menschen zu teilen, dann befallen einen grosser Respekt und Bewunderung für das Bild an sich, aber auch für die Geschichte und Umstände seiner Entstehung.

DSC05026_edit_smalljpgPanorama des Grindelwaldtales mit Wetterhorn, Mettenberg und Eiger
Caspar Wolf - 1774
Öl auf Leinwand - Aargauer Kunsthaus

DSC05028_edit_smalljpg

Das Bild ist noch bis Ende Mai im Kunsthaus zu sehen. Danach wird es wegen Umbauarbeiten wieder abgehängt.

…mit Raiffeisencard gratis, mit anderen Vergünstigungen ev. auch.





Nun, einige interessiert es wohl noch, was nun mit meinem Film los ist. Er ist fast fertig. Ich habe noch ein paar Bildlücken, die ich diesen Sommer noch füllen muss. Aber ich bin zuversichtlich, dass im Herbst eine ganz interessante 45’ «Vlogmentary» über unsere Gletscher steht, die es sich zu schauen lohnt.