Am grössten Plateaugletscher Europas

10.09.2021 ( Glacier de la Plaine-Morte, Lenk, BE )

Lesedauer: 12min

Unser Ausflug der nächsten drei Tage führt uns unter anderem zum Plaine-Morte Gletscher. Dieser liegt auf einer Hochebene zwischen Crans-Montana und Lenk, Südwestlich des Wildstrubels. Er bildet eine der grossen Eisdecken in den östlichen Berner Alpen. Er macht aber auch durch Ausbrüche seines Gletschersees Schlagzeilen, mittlerweile allerdings eher durch die enormen technischen Massnahmen und «Bauwerke», um diese zu verhindern. 

Ich wollte eigentlich schon anfangs Sommer hier hin, um mir diesen Gletschersee anzuschauen, aber da lag noch so viel Schnee, dass davon gar nichts zu sehen war. Ausserdem war auch der Hüttenzustieg in die Wildstrubelhütte wegen nicht fahrenden Bergbahnen, Schnee und steilem Gelände lange zu heikel. Danach war mein Terminkalender voll und so sind wir halt jetzt an einem Freitag anfangs September in der Iffigenalp gestartet, um uns die vielen Höhenmeter in die Wildstrubelhütte hochzkämpfen. Es gäbe einfachere Zustiege, aber die Bergbahnen in Crans-Montana haben bereits wieder geschlossen. Warum auch immer! Der Wetterbericht war im Vorfeld nicht so berauschend, besonders für den Freitag war er ziemlich schlecht. Nicole hat sich davon aber nicht einschüchtern lassen und begleitet mich die nächsten Tage. Trotz des vielen Gepäcks, steigen wir, mit fast 450 Höhenmetern in der Stunde, den steilen Pfad hoch. Warum mit mehr Gepäck als sonst? Die Route der nächsten drei Tage ist etwas speziell. Eigentlich würde man nach der Plaine-Morte Gletscherquerung auf den Wildstrubel hochsteigen und dort Richtung Nord-Osten über den Wildstrubelgletscher in die Lämmerenhütte absteigen. Der Wildstrubelgletscher weist aber im Gegensatz zum Plaine-Morte Gletscher durchaus einige grössere Spalten auf, die auch mit Firn bedeckt sind. Ich möchte nicht, dass Nicole in solchem Gelände für meine Sicherheit sorgen muss.

Sucht man sich in der näheren Umgebung eine alternative, alpine Unterkunft, wird es knifflig. Es gäbe noch die Fluhseehütte, die ist aber seit langem schon voll besetzt. Dann ist da noch die Ammertenhütte, ein unbewarteter, frei zugänglicher Holzschopf, mit ein paar Pritschen und einem Ofen. Gemäss SAC Tourenportal gibt es ausserdem eine alte, sehr wenig begangene Route über die Felsbänder zwischen Ammertehore und Wildstrubel, die ungefähr dorthin führt. Das ist nun unser Plan. Wir tragen also neben dem Wander-, Hochtouren- und Filmmaterial auch noch Schlafsäcke, Essen, sowie Gaskocher etc. mit uns herum.

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Wir sind alleine auf dem Hüttenzustieg, kein Mensch ist zu sehen. Kunststück, bei dieser Wetterprognose. Lediglich ein Gämsi und ein paar Schafe begegnen uns im Nebel. Der schmale Weg schlängelt sich zwischen unbegehbaren Felswänden und steilen Grasnarben Richtung Hochplateau der Plaine Morte. Zu unserer Freude kommen wir trocken in der Hütte an. Eine Stunde später prasselt strömender Regen auf die Hütte nieder. Wir verkriechen uns in unseren warmen, flauschigen Schlafsäcken und lauschen dem Regen, der auf das Hüttendach niederprasselt.

Viel ist nicht los in der Hütte, ein Gruppe Holländer kämpfte sich noch durch den Regen und ein verliebtes, junges Pfadipärchen isst später noch mit uns am Tisch zu Abend. Im Pfadigespräch mit den beiden merken Nicole und ich, wie verdammt lange diese Zeiten bei uns schon her sind. Es ist aber wirklich toll, dass diese damals entstandenen Freundschaften immer noch bestehen und wir jetzt anstatt Pfadi, einfach Bergerlebnisse teilen. 

Schluss mit Nostalgie und Sentimentalität, wir haben ja noch eine Hochtour vor uns und wir starten bei Dämmerungsbeginn Richtung Gletscher. Von der Hütte ist es nicht weit zum Gletscher. Nach einer guten halben Stunde treffen wir auf Eis, rüsten uns aus und marschieren am Seil auf die weite Eisfläche hinaus Richtung Wildstrubel.

Plateaugletscher sind Gletscher die sich auf einer welligen oder leicht kuppigen Hochfläche befinden und deren Eisbewegung aus dem Zentrum heraus in mehrere Richtungen divergiert. Der Plaine-Morte Gletscher ist deshalb auch weitgehend flach. Sein Schmelzwasser fliesst einerseits nach Südosten Richtung Wallis in die Rhone, der grössere Teil fliesst aber durch seine leichte Neigung auf die Berner Seite Richtung Rezlialp, Lenk und dort in die Simme. In diese Richtung läuft auch die bedeutendste Gletscherzunge aus, die Retzligletscher genannt wird.

Seit 2011 macht sein Gletschersee Probleme, weil sich besonders am Südöstlichen Rand des Gletschers grosse Wassermengen in einem See sammeln, der sich jeweils im Frühling plötzlich durch unterirdische Gänge im Gletscher komplett entleert. Die daraus entstehenden Flutwellen verursachten in den nachfolgenden Jahren öfters grosse Schäden an Strassen und Gebäuden. Um das Problem in den Griff zu bekommen, hat man in einem waghalsigen Projekt, vom grössten der Gletscherseen weg, einen Kanal gebaggert und einen Tunnel zu einer Gletschermühle gebohrt, um den See kontinuierlich dort hinein zu entleeren.

Wenn sich jemand für diese Geschichte und die unglaublichen Tunnel und Hölensysteme in einem Gletscher interessiert, kann man sich die Einsteinsendung « Im Innern eines Gletschers » ansehen.

Das Problem an der Sache: Gletscher bewegen sich, Gletscher schmelzen und jeden Winter liegt neuer, meterdicker Schnee auf dem Eis. Keine einfachen Bedingungen für eine einmalige und definitive Lösung. In der Tat müssen der Kanal sowie der Entwässerungsstollen jedes Jahr neu beurteilt, ev. ausgebohrt oder neu freigelegt werden. Neue Erfindungen mit Heizleitungen in den Kanälen, oder Distanzhaltern aus Holzwolle, sollen diesen jährlichen Aufwand minimieren. Wenigstens funktionierte das Bauwerk bei seiner Feuertaufe wie gewünscht.

Inzwischen habe ich mitten auf dem Gletscher meine Drohne ausgepackt. Wir sind eine Weile übers Eis gelaufen, bis uns die aufgehende Sonne mit ihren wärmenden Strahlen erreicht hat. Die Drohnenfilmerei ist für meine Begleitung jeweils eine mühsame Sache. Sie muss in der Kälte warten, bis ich mit der Arbeit fertig bin. Da ist das mindeste was ich tun kann, wenigstens einen sonnigen Standort zum Warten auszusuchen.

Das Plateau ist riesig. Obwohl wir beinahe in die Mitte gelaufen sind, ist die Flugdistanz zum Faverges-See noch richtig weit. Aufgrund des fortgeschrittenen Jahres ist er allerdings bereits komplett entleert. Trotzdem sind die riesigen Schrammen im Gletscher, die das Entwässerungsbauwerk verursacht, sowie die grosse Gletschermühle, gut sichtbar.

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Die tiefstehende Sonne scheint in die restlichen Wolkenfetzen der vorbeigezogenen Schlechtwetterfront, so dass eine einmalig mystische und eindrückliche Morgenstimmung entsteht.

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Ich hole meine Drohne zurück und versuche möglichst schnell wieder abmarschbereit zu sein, denn Niccole hat langsam kalt. Wir ziehen weiter in nordöstliche Richtung, wo sich der Wildstrubel über dem Gletscher erhebt. Als wir uns dem Gletscherrand nähern, müssen wir den Weg etwas suchen. Durch das schnelle Abschmelzen der Gletscher und das sich schnell verändernde Gelände am Gletscherrand sind auch die Wege der viel begangenen Routen oft etwas schwierig zu finden. Trotzdem finden wir einen guten Punkt, um vom Gletscher runter zu gehen, und etwas später treffen wir auch auf eine gute Wegspur, die uns bis zum Gipfel des Wildstrubels führt.

Von hier oben hat man einen prächtigen Blick auf das ganze Gletscherplateau. Leider ist noch viel Feuchtigkeit von der Schlechtwetterfront in der Luft und die Thermik auf der Walliser Seite erzeugt eine Wolkenwand, die uns die Sicht auf die atemberaubenden 4000er der Walliser Südalpen verwehrt. Ich hätte es Nicole gegönnt, wenn sie sich dieses Panorama hätte ansehen können. Es ist wirklich sehr eindrücklich. Nun, wenigstens haben wir guten Blick auf den Gletscher und in die andere Richtung hin zur Gemmi.

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Als ich auf die Uhr schaue, stelle ich fest, dass wir im Zeitplan etwas im Verzug sind. Der grössere und wohl auch komplexere Teil der Route liegt allerdings noch vor uns. Auf den Nachmittag ist wieder eine Bewölkungszunahme angesagt und deshalb steigen wir zügig über den Wanderweg ab. Ich schaue auf meinen Höhenmesser, denn auf einer bestimmten Höhe müssen wir den Wanderweg Richtung Osten verlassen und ins unmarkierte Nirgendwo abzweigen. Da es sich beim kommenden Abschnitt um eine äusserst selten begangene T4 Route handelt, werden wir wohl weder Markierungen noch Steinmännchen antreffen. Ich habe die Route aber vorgängig studiert und den GPS Track auf meine Uhr geladen, damit sie laufend kontrolliert, ob ich auf dem geplanten Weg bleibe. Glücklicherweise ist das Geröll unter unseren Füssen kompakt, so dass wir gut durch die einsamen, von farbigem Gestein und Felsblöcken geprägten Hochebenen vorankommen.

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Es ist zweifelsfrei eine der verlassensten Gegenden, die ich dieses Jahr bewandert habe und das macht die Route ziemlich abenteuerlich. Die Wolken werden dichter und drücken sich immer näher ans Gelände. Alle 20min finden wir ein Steinmännchen, was mich etwas beruhigt, denn es gibt Vertrauen in meine programmierte Route, besonders jetzt, wo die Sicht schlechter wird. Wir nähern uns der Schlüsselstelle. Zwischen zwei Hochplateaus müssen wir ein etwas steileres Engnis passieren, um auf die zweite darunterliegende Hochebene zu kommen. Ich war mir nicht so sicher, was wir an diesem Punkt genau antreffen werden und ich bin froh, als ich sehe, dass es zwar steil, aber kein Absturzgelände ist. Wir müssen ca. 50 Höhenmeter über Felsnasen hinunterkraxeln und für eine vernünftige Linie noch ein Schneefeld streifen. Die kleinen, losen Steinchen auf den nassen Felsen lassen mich ausrutschen, doch viel passiert nicht. Ich muss lediglich meinen Pickel etwas weiter unten auf der Route holen gehen und finde ihn glücklicherweise wieder. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir ihn noch brauchen, denn wir kommen zwar jetzt auf die beinahe komplett abgetrennte Gletscherzunge des Ammertengletschers, aber gemäss Karte sollte diese komplett mit Schutt bedeckt sein. Letzteres ist auch der Fall und wir stolpern von Nebel eingehüllt über das von pechschwarzem Gestein geprägte Geröllfeld. Wenn wir hier weiter geradeaus laufen, sollten wir irgendwann auf einen Wanderweg treffen. Es beginnt zu regnen und wir stoppen kurz, um unsere Regenausrüstung anzuziehen. Es passiert eher selten, aber ich muss gestehen, ich bin gerade etwas genervt, weil mich das anspruchsvolle Gelände müde gemacht hat, wir schlechte Sicht haben und der Wetterbericht keinen Regen prognostiziert hatte.  Naja, ändern kann man daran jetzt auch nichts.

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Der Boden wird langsam grüner, die schwarzen Steine sind mehr und mehr von Moos und Gras bedeckt. Ein Zeichen, dass wir uns wieder Wanderweggelände nähern. Meine Stimmung hebt sich etwas und just in dem Moment, als wir auf den Wanderweg treffen, stechen Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Wir machen eine kleine Pause, um uns etwas zu stärken und zu erholen.

Ich spüre den schweren Rucksack und meine Füsse. Leider müssen wir zum Schluss noch 500 Höhenmeter zur Hütte absteigen. Aber auch das werden wir noch hinkriegen. Wir sind froh, als wir endlich beim Holzschopf ankommen und freuen uns sehr, dass wir die einzigen sind, die hier übernachten wollen. Man kann hier nämlich nicht reservieren und deshalb waren wir etwas gespannt, was uns da antrifft. Der Schopf ist ziemlich hübsch und das abendliche Wetter meint es auch wieder besser mit uns. Wir sitzen noch etwas an die Sonne, erkunden unsere Unterkunft und beginnen dann den Ofen in Betrieb zu nehmen, einen Kaffe und etwas später das Nachtessen zu kochen. Ein kleiner Brunnen vor der Hütte spendet uns Wasser. Es ist schon sehr idyllisch hier, alleine, mitten in schönster Bergkulisse weit oberhalb von Lenk, unter einfachsten Bedingungen in diesem Schopf zu übernachten und alles was man dazu braucht im eigenen Rucksack zu finden.

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Wir sind noch etwas unsicher, bezüglich der Route von morgen. Auf jeden Fall steigen wir wieder hoch zum Ammertepass und ev. über den Ammertespitz via Aeugi-Lowa-Weg Richtung Adelboden.

Allerdings sind wir schon etwas müde von unserer heutigen knapp 10h langen, doch anspruchsvollen Tour. Die Sonne geht langsam unter. Wir ergeben uns der Dunkelheit und legen uns in unsere kuscheligen Schlafsäcke. Einmal mehr schlafe ich irgendwo in den Bergen zufrieden ein.

Da es auch nicht mehr so früh hell wird, werden wir vom Wecker geweckt. Es ist doch etwas frisch, aber der warme Porridge und der Kaffe, den wir mit dem Gaskocher zubereiten, macht uns wach.
Die letzten zwei Tage haben uns aber ziemlich geschlissen und wir sind etwas ausgelaugt. Unsere Motivation für den doch anspruchsvollen Aeugi-Lowa-Weg hält sich deshalb in Grenzen. Wir schieben den definitiven Routenentscheid noch hinaus, packen alles zusammen, räumen schön auf, werfen den Übernachtungsbetrag in die Hüttenkasse und tragen uns im Hüttenbuch ein. Beim Aufräumen finden wir in einem Wandschrank doch noch Teller und Tassen. Offensichtlich waren wir gestern doch etwas benommener als gedacht.

Zum Ammertepass müssen wir wieder nach oben. Die gleichen 500 Höhenmeter vom gestrigen Schlussabstieg nochmals, einfach in die andere Richtung. Auf dem Pass oben angekommen, haben wir einen wunderbaren Blick auf unsere gestrige Route, denn das Wetter zeigt sich heute von seiner besten Seite. Wenn man so von der Seite auf den Hang schaut, sieht der gestrige Weg ziemlich abenteuerlich aus. Im dicken Nebel und im Gelände drin, hat man das gestern gar nicht so bemerkt. Es ist immer wieder interessant, wie unterschiedlich man das Gelände wahrnimmt, jenachdem wo man sich befindet. Wir sehen nun auch die letzten Resten des Ammertegletschers, von dem wir bis jetzt nur die Geröllhalde bemerkt haben.

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Weil uns die letzten Tage ziemlich in den Beinen liegen und ich morgen bereits auf eine nächste mehrtätige Tour starte, entscheiden wir uns für die gemütlichste Variante. Wir deponieren das Gepäck auf dem Amertenpass, steigen kurz zum Ammertespitz auf und anschliessend vom Pass auf die Engstligenalp hinunter. Ein schöner, einfacher Abstieg, der wieder etwas Raum für Gespräche bietet. Nach drei Tagen Hochgebirge fühlt es sich jeweils etwas seltsam an, sich wieder unter die normalen Tagestouristen zu mischen. Wir machen trotzdem einen auf Tagestourist und belohnen uns mit einem Mittagessen auf der Sonnenterrasse, die dann doch sehr frisch ausfällt.


Ich erkenne, die warmen, langen Sommertage sind vorbei. Die letzten Wochen meiner Auszeit sind nun angebrochen. Trotzdem trübt sich meine Freude keineswegs. Es ist wirklich toll, konnte ich diesen doch sehr speziellen Gletscher noch besuchen und dieses Erlebnis einmal mehr mit einem mir nahestehenden Menschen teilen.


So und jetzt los, in die pumpenvollen Sonntagabendzüge … 

Juhee, morgen früh geht’s bereits wieder los!

Weitere Fotos dieser Tour sind hier zu finden.